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ANGELIQUE KIDJO IM BIERHÜBELI BERN (25.05.2005)

Back to the Roots - World Music, die hält was sie verspricht

Die Wurzeln aktueller Mainstreammusik liegen weit in der Vergangenheit, verworren, verschollen, vergessen - könnte man meinen. Doch Angelique Kidjo brachte uns im Berner Bierhübeli längst vergessene Rhythmen zurück in die Gegenwart. Die genial einfachen Kombinationen mit vielen zeitgenössischen Stilrichtungen zeigen dem Publikum, dass Alter und Herkunft von Musik nur eine untergeordnete Rolle spielt. Was zählt ist die Ehrlichkeit, die Echtheit und die Begeisterung, mit der gespielt wird.


Angelique Kidjo gilt in der World Music Szene als eine der innovativsten, bekanntesten und meist gebuchten Künstlerinnen der Welt. Seit über einem Jahrzehnt veröffentlicht die Westafrikanerinnen Hit um Hit, mit "Agolo" ihren wohl gängigsten. Mit ihrem neuen Album (Oyaya) ist ihr ein ganz besonderes Experiment gelungen: Alte westafrikanische Rhythmen kombiniert sie mit Cumbia, Salsa, kubanischem Bolero, Merengue und puertoricanischer Pena, alles also Stilrichtungen aus der Karibik, den Inseln auf welchen schwarzafrikanische Sklaven im Zeitalter des Imperialismus begannen, ihre eigene Musik mit derjenigen der spanischen, portugiesischen, französischen und englischen Kolonialherren zu verschmelzen. Gesungen wird mehrheitlich in Fon und Yoruba, den Sprachen ihres kleinen Heimatlandes Benin. So entstehen Lieder, die internationaler nicht sein können, die überall zu Hause sind. Für einmal ist Globalisierung kein Schimpfwort, sondern eine Bereicherung. World Music, die hält was sie verspricht.

Die Songs aus dem aktuellen Album werden gleich zu Beginn gespielt. Ältere Hits spart sich die quirlige Angelique Kidjo auf später auf, teils einzeln vorgetragen, teils in Form eines Medleys. Die zweieinhalb Stunden vergehen schnell.

Doch das Berner Publimum reagiert zuerst verhalten, zaghaft. Man hört hin, spendet Beifall, findet Gefallen. Doch der Funke scheint nicht zu springen. Kidjo reagiert und spricht immer mehr mit den Anwesenden, über ihre Liebe zur Musik, über die Missstände auf der Welt, über ihre Erfahrungen in anderen Ländern. Doch das Lachen vergeht ihr nicht dabei, im Gegenteil: mit Humor, Charme und Natürlichkeit gewinnt sie das Publikum. Als Kidjo beschliesst, singend durch den ganzen Saal zu spazieren, inmitten der Fans, lachend, händeschüttelnd, tanzend, wird der Bann definitiv gebrochen. Das Bierhübeli wird zum stampfenden Tanztempel, rutscht einige Tausend Kilometer in Richtung Aequator. Das Publikum wird aufgefordert, zu leben. Angelique Kidjo lädt einige Fans auf die Bühne ein. Die Musik dröhnt nicht mehr nur aus den Lautsprechern, sie ist Teil von uns, war sie schon immer, doch nun wird sie geweckt aus dem fast verschollenen, vergessenen Dornröschenschlaf der Vergangenheit. Die Wurzeln dringen an die Oberfläche, treiben aus. Neue und alte Bäume verschmelzen zu einem dichten Wald. Der Kreis schliesst sich.

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