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GREENFIELD-FESTIVAL, VOLUME 2, 2006


Bands wie The Datsuns, die voll nach vorne rocken, bretterten einige über die Zeltbühne am Greenfield-Wochenende.


Andrew Eldritch, Industrial-Guru von Sisters of Mercy


Sisters of Mercy: Augurisch hinter Nebelschwaden verschwindendes Rebellen-Relikt.


Mit einem perfekten Gig im Kreuzfeuer der Elemente holten Placebo das Publikum ab.


Das Spaceship von Depeche Mode thronte überm Festival.


26 Jahre Elektro-Priesterschaft im Dienste von Depeche Mode.

Ä bitz Hardcore Fun

Nein, das Greenfield auf dem Interlakner Bödeli ist kein Hang-Loose-Festival. Nichts für Zartbesaitete, besser geeignet für's Vorzeigen von Tattoos, Piercings, Schnürstiefel und Regenpelerinen als gespürige Turban-Romantik. Schauplatz ist passenderweise auch im zweiten Jahr das martialisch wirkende, ehemalige Militärflugplatzareal, mit Funkturm und Hangar gleich neben der Hauptbühne. 41 Bands, darunter einige Schwergewichtler wie Tool oder Depeche Mode, donnerten zwischen Freitag, 16. Juni und Sonntag, 18. Juni 2006 über die grosszügigen An- und Abflugschneisen in imposanter Bergkulisse.


Punk, Ska und Power-Epik
Ob auf der Hauptbühne oder im Zelt mit den vielen Kuppelspitzen: Hart, punkig und ein wenig düster war es, auch wenn dieses Jahr sanftere Bands wie die exzentrisch-sperrigen dEUs, The Cardigans oder die Singer-/Songwriter-Newcomer The Weepies aus den USA im Programm dabei waren. Auch aus der Schweiz gab es einiges zu hören: Darunter die betörende Zürcher Indie-Band Redwood, das experimentierfreudige Basler Schrei-, Speed- und Lärm-Quartett Speck oder die bewährte Churer Ska-Truppe Nguru. International war vor allem viel Punkrock, Garage und Metal dabei, so dass Freunde von lauten, bangenden Geschichten voll auf ihre Kosten kamen. Schalk und eine Portion Böser-Buben-Witz brachten darunter die Briten mit. Art Brut mit den brabbelnd ausgespieenen Vocals von Eddie Argos oder Hard Fi, aus dem Londoner Satellit Staines, die der Blair-Resignation mit rotzfrechem Schoolband-Funk-Punk trotzen und am Greenfield-Samstag auf der Hauptbühne zur Spätnachmittagsparty in schwül heissem Klima lockten. Ernsthafter ging es am Freitag zu und her, wo deutschem Dudelsack-Metal (In Extremo) und finnischen Monster-Celli (Apocalyptica) gelauscht werden konnte und die Tool ihre exzessiven Metal-Wälle bis zur Hypnose des Publikums wagnerhaft voll kleisterten. Am Sonntag ging das Festival mit wärmeren Klängen zu Ende: Ska von Panteón Rococó, Reggea von Seeed und – als Frühstarter auf der Hauptbühne – Wohlfühl-Vibes von William White und seiner vielköpfigen The Emergency: Barbados-Winterthur heisst die Connection, die zu diesem soulig schaukelnden Sommersound geführt und auch am Rande des Greenfield-Programms noch Platz gefunden hat. Trotzdem, «einen Gemischtwarenladen wird es bei uns nie geben», wie Musikverantwortlicher Dieter Bös in einem Interview mit dem Berner Oberländer vor Ort festmachte. Auch 2007 wird das Festival, das man dieses Jahr mit 15'000 bis 20'000 Eintritten pro Tag als einen, wenn auch knappen, Erfolg bezeichnen kann, seiner Linie treu bleiben und sich «wieder in der härteren Alternativ-Music bewegen», so Bös.

Nicht ganz von dieser Welt
Unterirdisch oder überirdisch, jedenfalls nicht ganz von dieser Welt, zeigten sich die Headliner am Samstag. Real gar nicht existent waren der irrlichternde Pete Doherty und seine Baby-Shambles, die wieder einmal einen Gig verpassten. In Schweden wegen Drogen festgenommen, geisterte Doherty am Greenfield bloss in den Köpfen herum. Ziemlich viel heisse Luft, aber um das Ausbleiben des Skandal-Poeten zu betrauern, blieb keine Zeit. Ab 19 Uhr folgten auf der Hauptbühne Schlag auf Schlag: Sisters of Mercy, sowie die Headliner Placebo und Depeche Mode.
Modrig angehaucht und vielleicht deswegen besser in ein Lokal wie den (den Bands vorbehaltenen) Hangar zu verlegen, verwandelten die Sisters of Mercy die Hauptbühne in einen ständig brodelnden Dampfkessel. Sänger und Gehirn Andrew Eldritch, einziges original Relikt der nach einer exzentrischen Mischung aus Gothik und Industrial tönenden Post-Punk-Band, verbarg sich hinter mumienhafter Miene, dunklen Sonnengläsern und fahriger Zigarettengestik. Daneben ist als weiteres langjähriges Mitglied noch Doktor Avalanche, die Drum Machine zu nennen, die auf der Web-Site der Sisters bösartige Antworten zu seltsamen Fragen gibt. Hier nutzt auch Eldritch die Möglichkeit zu clever-zynischen Rundumschlägen gegen die Musikindustrie, schlechter Disco-Musik und Post-Modernismus. Ein im Untergehen heldenhaft kämpfender Techno-Punk-Pirat, der sich zwischen den Zeiten verirrt hat? Ein neues Album, das letzte war eine Best Of von 1993, sei geplant, wie Gitarrist Ben Christo, nach dem Gig im Publikum angekickt, meint, aber eben: «He (Andrew) is a bit weird about it ...» Statt sich über Plattenfirmen zu ärgern, beschwört Eldritch life Sachen wie «Tempel of Love», mit dunkler Stimme in einer Ödnis peitschender Beats. Das jugendliche Publikum konnte der Retro-Expedition leider wenig Wiederkennungseffekt abgewinnen, der Auftritt zerflatterte darüber im Getümmel vor der Hauptbühne.

Die Unerschrockenen
Geheimnisvoll umwitterter Höhepunkt des Abends bleiben Placebo. Mit der unterschwelligen Aufdringlichkeit einer Stimme aus einem verzerrten Supermarkt-Lautsprecher bemäkelte und näselte Brian Molko, der Himmel leuchtete in tiefpinkem Abendrot, Windböen fegten übers Gelände, schliesslich fiel Regen, doch alles war mitgerissen von den energisch-düsteren Melodien dieser Band, die das Cruisen in nerviger Niedergeschlagenheit total beherrscht und in spacige Flugmomente (nicht nur für Stage Diver) umwandelt. Wie der Blitz schlägt die geballte Reduktion von Placebo ein, eine Reduktion aufs Wesentliche, auch aufs Schräge, mit Effekten roh veredelt. Zuckende Gewitterwolken schwanten über der in türkis-grünem Licht ertrinkenden Bühne: Eine bessere Kulisse hätte man sich für die drei Underground-Briten nicht ausmalen können. Gegen Ende des Gigs stellte Molko lakonisch fest: «On top of the world you get nothing». Als «People, who are not afraid of the elements» würdigte er das Publikum. Gebannt, in Kapuzen gehüllt stand dieses bis zu «The Bitter End», als es in Strömen sträzte.

Ufos der Urtechnoiden
Ganz schön cool und mit der Gewandheit von routinierten Spitzenreitern schickten Depeche Mode ihre samtig-depressiven, auch mal drastisch sich auftürmenden Sound-Wellen übers Menschenmeer. Die eingeschworene Depeche Mode Gemeinde war angereist, die Stimmung schwarz eingelullt, in die mächtige Licht- und Projektionenshow liess sich gut wegtauchen. Mit zurückhaltender Wildheit balgte sich David Gahan mit dem Mikrofonständer und klang zwischendurch, als möchte er das Publikum überführen – nach einem Vierteljahhundert Elektro-Priesterschaft wirkt die Stimme des lebenserprobten Frontman zwar morbid wie immer, aber auch nachdenklich, bald belehrend und ein wenig ausgeblutet. Hinter ihm verschwindet die Band hinter Sci-Fi-mässig blinkenden Ufo-Gebilden mit Keys und anderen Klanggeneratoren, darüber monumental eingeblendete Bildelemente. Tolle Songs aus alten und neueren Zeiten (Barrel Of A Gun, Personal Jesus, Enjoy The Silence) liessen das technoide Achtziger-Kult-Raumschiff abheben und in vollem extravaganten Style über dem Gelände prangen.

Spirit of Knoxville
Wenn am Sonntag gegen Ende des Festivals drei heimkehrende, jugendliche Besucher mit nackten Oberkörpern und Bierflaschen am Bahnhof Interlaken Ost witzelten, wie sich mit dem Gepäckanhänger auf dem Perron die Treppe zur Unterführung runter brettern liesse, in Anlehnung an Jack-Ass-Freak Johnny Knoxville, dann ist das nochmals wie ein Statement: ja, das Greenfield ist trotz lockerer, recht entspannter Atmosphäre ä bitz Hardcore Fun. Mal was anderes, auch für nächstes Jahr, wo der eigenwillige, lautstarke Event für 15. bis 17 Juni 07 angesagt ist.
DJ Dächi

Linktipps:
Offizielle Seite des Greenfield Festivals

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